Einführung
Sechs Tage an der Amalfiküste und im Cilento bedeuten für den Mietwagen-Reisenden eine Entscheidung, die jeder Italien-Besucher früher oder später trifft: Wie viel Postkarte, wie viel Abseits. Die Amalfiküste ist jene Postkarte, die in Mitteleuropa seit den fünfziger Jahren ununterbrochen auf Kühlschränken hängt — Positano, Ravello, die Serpentinen der SS163, der Golf von Salerno im Morgennebel. Das Cilento ist das, was man sieht, wenn man nach dem dritten Positano-Tag auf die Karte schaut und sich fragt, was hinter Salerno liegt. Die Antwort: ein Nationalpark, ein halb vergessenes Griechenland und ein Italien, das keine Reisebusse kennt.
Wir haben das Kapitel bewusst so angelegt, dass beide Antworten eine Rolle spielen. Die erste Hälfte — Sorrent, Amalfi, Ravello — arbeitet die Klassiker ab. Die zweite Hälfte — Paestum, Cilento — zeigt, was der Süden ohne die Klassiker ist. Wer nach sechs Tagen weiss, welches der beiden Italien ihm näher steht, hat etwas mehr mit nach Hause genommen als eine Rundfahrt durch eine einzige Landschaft. Der Wagen wartet in Capodichino¹, und die erste Aufgabe besteht darin, die ersten vierzig Kilometer zwischen Flughafen und Sorrent zu überstehen, ohne dass der süditalienische Verkehr den Ton für den Rest der Woche setzt.
Die Route ist 380 Kilometer lang. Das klingt nach wenig. Auf der SS163 Amalfitana fährt man drei Tage lang Strecken, die auf dem Papier nach einer Stunde aussehen und vier dauern. Das ist das Wesen dieses Kapitels, und wer sich darauf einlässt, findet eine Art zu reisen, die keine Eile kennt und jede Pause rechtfertigt. Wer Mühe damit hat, sollte dieses Kapitel überspringen und stattdessen in die Toskana fahren — vgl. Fussnote ¹ und Kapitel I.
§2 — Mietwagen abholen
Neapel Capodichino ist ein grosser Regionalflughafen mit überschaubarer Mietwagen-Infrastruktur. Die grossen Vermieter sitzen im Terminal, die lokalen Anbieter in einem Shuttle-Büro, das vom Haupteingang aus in fünf bis sieben Minuten erreichbar ist. Wir haben in Neapel wiederholt die Erfahrung gemacht, dass die lokalen Anbieter nicht nur günstiger sind — der Unterschied beträgt hier 20 bis 30 Prozent — sondern auch beim Gespräch über Versicherungen und Kautionen entspannter. Ein neapolitanischer Stationsleiter, der seit zwanzig Jahren denselben Schalter betreibt, weiss, welche Fragen ein mitteleuropäischer Kunde stellt, und beantwortet sie ohne die einstudierte Beratungsnummer der grossen Ketten.
Die wichtigste Entscheidung an diesem Flughafen betrifft die Fahrzeugklasse. Wer einen SUV bucht, bereut es spätestens auf der SS163 zwischen Positano und Amalfi, wo die Strassenbreite an einigen Stellen so eng ist, dass ein Mercedes GLC in den Gegenverkehr zurücksetzen muss. Ein Fiat Panda, ein Peugeot 208, ein Ford Fiesta — das sind die richtigen Wagen für diese Rundfahrt. Wenn die Sonderangebote für die mittlere Klasse locken, gilt: Ruhe bewahren. Das eingesparte Sortiment an Nervosität auf engen Kurven rechtfertigt den geringfügigen Preisunterschied.
Die zweite Falle ist eine Eigenheit neapolitanischer Mietwagen-Verträge: die Aufschläge für junge Fahrer und für Zweitfahrer werden in Süditalien etwas strenger durchgesetzt als im Norden. Wer mit einer Person unter 25 oder über 70 Jahren fährt, prüft den Vertrag vor der Unterschrift auf die entsprechende Klausel. Einige lokale Anbieter verzichten auf den Jungfahreraufschlag, wenn der Hauptfahrer den Mietvertrag allein unterschreibt und der zweite Fahrer nicht eingetragen wird — das spart zwischen 7 und 12 Euro pro Tag, ist aber im Schadensfall problematisch, wenn der nicht eingetragene Fahrer am Steuer sitzt. Wir empfehlen, den Aufschlag zu zahlen und rechtlich sauber zu bleiben. Vgl. hierzu auch Fussnote ¹ und den Hinweis zu den entsprechenden Buchungsoptionen bei Localrent.