Die Frage, die jeder stellen sollte
Wer glaubt, dass „Vollkasko” Vollkasko ist, hat noch keine Selbstbeteiligung gesehen. Mit diesem Satz beginnen wir diesen Anhang, weil er das Grundmissverständnis beschreibt, mit dem die meisten Mietwagen-Kunden an den Schalter treten. Sie haben online eine „Vollkasko” oder „Komplettschutz” gebucht, glauben sich damit rundum geschützt und stehen drei Tage später vor einem beschädigten Stoßfänger, bei dem der Vermieter ruhig auf den Vertrag zeigt: 900 € Selbstbeteiligung, bitte freundlich in die Kreditkarte tippen.
Wir haben diese Szene oft gesehen. Wir haben sie auch einmal selbst erlebt, in Dalmatien, mit einem Seitenspiegel und einem Stein, der auf einem Supermarkt-Parkplatz stand und im Rückwärtsgang plötzlich im Weg war. 240 € für einen Spiegel, den wir im nächsten Laden für achtzig hätten kaufen können, aber das ist nicht der Punkt; der Punkt ist, dass eine Versicherung, die für diesen Fall nichts tut, auch keine Versicherung ist, zumindest nicht so, wie der normale Kunde das Wort versteht.
Was folgt, ist der Versuch, die verschiedenen Ebenen des Versicherungsschutzes einmal in ruhiger Sprache auseinanderzulegen. Wir tun das nicht, weil das Thema komplex wäre — ist es nicht —, sondern weil die Branche es gerne als komplex darstellt.
Haftpflicht, Vollkasko und die Selbstbeteiligung
Jeder Mietwagen in Europa hat eine gesetzlich vorgeschriebene Haftpflichtversicherung. Sie deckt Schäden, die Sie mit dem Wagen an Dritten verursachen — an anderen Autos, an Personen, an fremdem Eigentum. Über sie muss man keine Entscheidung treffen; sie ist im Mietpreis enthalten und gilt in allen Ländern unseres Arbeitsgebiets. Deckungssummen sind in der EU hoch, in Montenegro, Albanien oder der Türkei deutlich niedriger; an der Summe lässt sich grundsätzlich nichts ändern, man sollte sie nur kennen.
Die Vollkasko — auf dem Vertrag meist als CDW (Collision Damage Waiver) oder LDW (Loss Damage Waiver) bezeichnet — ist der Posten, um den es geht. Sie deckt Schäden am Mietwagen selbst, also am eigenen Blech, sowie Diebstahl. Gebucht ist sie bei jeder seriösen Online-Reservierung standardmäßig dabei, und die Zahlen sehen beruhigend aus: „inklusive Vollkasko”, „inklusive Diebstahlschutz”. Was in der gleichen Zeile, nur kleiner, steht, ist das wichtigere Detail: Selbstbeteiligung 800 €, 1 200 €, manchmal 1 500 € bei höheren Klassen.
Die Selbstbeteiligung bedeutet, vereinfacht: Bis zu diesem Betrag zahlen Sie im Schadensfall selbst, alles darüber übernimmt der Vermieter. Das ist auf einem Papier in Ordnung und im Alltag eine Falle. Denn die meisten Mietwagen-Schäden sind keine Totalschäden; sie sind Kratzer, Dellen, ein abgerissener Außenspiegel, eine verbogene Stoßstange in einer engen Altstadtgasse. Und diese Schäden kosten, wenn der Vermieter abrechnet, fast nie mehr als die Selbstbeteiligung. Das heißt: Die nominell „vollkasko-versicherte” Miete ist faktisch eine Miete, bei der der Kunde für jeden realistischen Schaden selbst zahlt. Die Vollkasko greift erst dort, wo das Auto ernsthaft hinüber ist. Das ist ein Schutz, aber nicht der Schutz, den der Name verspricht.
Super-CDW, Zero Deductible und wann es sich lohnt
Die Antwort der Branche auf diese Lücke heißt Super-CDW oder Zero Deductible — eine Zusatzversicherung, die die Selbstbeteiligung auf null reduziert. Sie kann am Schalter gekauft werden, wo sie zwischen 9 und 18 € pro Tag kostet, oder vorab über die Buchungsplattform, wo derselbe Schutz erfahrungsgemäß zwischen 4 und 8 € liegt. Der Unterschied ist nicht inhaltlich, sondern marketingtechnisch: Am Schalter hat der Kunde weniger Verhandlungsspielraum.
Wir empfehlen Super-CDW — und das ist eine Empfehlung, nicht eine Pflicht — in drei klar umrissenen Situationen. Erstens: wenn die Route über Schotterstrecken, schmale Bergpässe oder längere unbefestigte Abschnitte führt. Korsika, die Serpentinen der lykischen Küste in der Türkei, die Gebirgsdörfer im Peloponnes, die albanische Riviera — überall dort, wo die Wahrscheinlichkeit eines Steinschlags oder eines leichten Anstoßens real ist, ist die Summe gut angelegt. Zweitens: bei Aufenthalten in italienischen, spanischen oder französischen Altstädten, in denen das Parken nachts auf öffentlichen Plätzen stattfindet und die Wahrscheinlichkeit, am Morgen einen unerklärten Kratzer zu finden, überdurchschnittlich hoch ist. Drittens: im Winterhalbjahr, wenn Salz, Rollsplitt und sinkende Sicht die Kleinschadenquote für statistisch jeden erhöhen ¹.
Außerhalb dieser drei Fälle ist die Zusatzversicherung eine Frage der persönlichen Ruhe. Wir kennen Kollegen, die sie grundsätzlich nehmen, weil sie den Kopf frei haben wollen; wir kennen andere, die sie grundsätzlich ablehnen und in zwanzig Jahren noch nie einen Schaden hatten. Beide Haltungen sind vertretbar. Was nicht vertretbar ist, ist die mittlere Position: standardmäßig keine Super-CDW zu buchen, am Schalter aber unter Zeitdruck doch eine zu akzeptieren. Das ist der teuerste Weg und, nach unserer Beobachtung, der häufigste.
Kreditkarten-Versicherungen und die ehrliche Warnung
Ein immer wiederkehrendes Thema, vor allem in der deutschsprachigen Reiseliteratur, sind die Mietwagen-Versicherungen, die bestimmte Premium-Kreditkarten ihren Inhabern mitliefern. „Kostenlose Vollkasko über die Gold-Karte” — wir haben den Satz so oft gelesen, dass wir ihn ernst genommen haben, und wir haben die Bedingungen gelesen. Das Ergebnis fällt, um es freundlich zu formulieren, ernüchternd aus: Oft Schein, kaum Substanz.
Die typische Kreditkarten-Deckung hat eine Reihe von Einschränkungen, die in der Beschreibung gut versteckt sind. Sie gilt häufig nur, wenn die Miete vollständig mit eben dieser Karte gezahlt wurde. Sie gilt häufig nur bis zu einer bestimmten Mietdauer (21 oder 31 Tage). Sie schließt bestimmte Fahrzeugklassen aus (SUV, Cabrio, Luxus). Sie schließt bestimmte Länder aus (häufig Italien, regelmäßig Griechenland). Und im Schadensfall gilt: Der Kunde zahlt zunächst die volle Selbstbeteiligung an den Vermieter, reicht dann eine Dokumentation bei der Versicherung ein — und wartet. Wir haben mit Reisenden gesprochen, bei denen diese Erstattung sechs bis neun Monate gedauert hat; wir haben auch von Ablehnungen gehört, bei denen ein kleines Detail im Vertrag die gesamte Deckung aufhob.
Das heißt nicht, dass Kreditkarten-Versicherungen wertlos wären. Es heißt, dass sie keine zuverlässige Ersatzlösung für eine Super-CDW sind, und dass man den Schutz, den sie bieten, nicht am Schalter einsetzen kann. Wer darauf vertraut, sollte sich die Bedingungen vor der Abreise ausdrucken und kritisch lesen; wer es nicht getan hat, sollte so rechnen, als hätte er keine.
Ähnliches gilt für Jahres-Reiseversicherungen mit Mietwagen-Baustein. Es gibt gute Produkte auf dem deutschen Markt; es gibt auch viele, deren Deckungssummen für einen Reisenden im europäischen Süden zu knapp bemessen sind. Wer regelmäßig mehrmals im Jahr mietet, kann mit so einer Lösung Geld sparen, sollte aber die Ausschlüsse genauso ernst nehmen wie bei den Kreditkarten.
Die Empfehlung der Redaktion
Wir empfehlen für die Routen in dieser Bibliothek, sofern keine besonderen Umstände vorliegen, eine Vollkasko mit Selbstbeteiligung null, gebucht vorab über die Buchungsplattform — nicht am Schalter. Der Mehrpreis liegt, über eine Wochenmiete verteilt, zwischen 28 und 56 €. Das ist, gemessen am Urlaubsbudget, der am wenigsten schmerzhafte Posten, und der einzige, der im Schadensfall den Unterschied zwischen einer Erinnerung und einer Nachberechnung macht. Wer auf diesen Posten verzichtet, sollte das bewusst tun — aus Sparsamkeit, aus Erfahrung, aus guter Statistik — und nicht, weil er glaubt, „Vollkasko sei schon drin” ².